Schwarzes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger)

Einordnung:

Solanaceae, Solanoideae (Nachtschattengewächse, Nachtschatten-Geschwister) - Leformix: plt.trh.spt.mal.ros.asr.son.son.son.hys.ngr

Vorkommen:

Verbreitet in Mitteleuropa. Nur selten in der Natur anzutreffen, vornehmlich auf fetten Böden.

Beschreibung:

20-80 cm hohes, einjähriges Kraut mit buchtig gezähnten, länglichen, behaarten Blättern. Die Blüten sind schmutzig-gelb und mit violetten Adern durchsetzt. Blütezeit ist zwischen Juni und September. Die Samenkörner ähneln denen des Mohns.

Schwarzes Bilsenkraut
Schwarzes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger)

Wissenswertes:

Bilsenkrautsamen wurden früher dem Bier zugesetzt, um dessen Rauschwirkung zu verstärken. Der Name der böhmischen Stadt Pilsen geht auf diese Praxis zurück. Letztendlich hatte das Reinheitsgebot zum Ziel, dieser Unsitte ein Ende zu bereiten. Ch. Rätsch hat sich in dem Buch »Bier jenseits von Hopfen und Malz« seine eigenen Gedanken über das Reinheitsgebot gemacht. Durch Bestreuen einer heißen Platte mit Bilsenkrautsamen und Einatmen der Dämpfe können Rauschzustände erzeugt werden. Bilsenkraut war der qualitativ wichtigste Bestandteil der Hexensalben. Weitere Informationen zum Thema »Rauschmittel« können Sie im Exkurs zum Portrait des Schlafmohns (Papaver somniferum) sowie im Themenverzeichnis »Rausch- und Genußmittelpflanzen« nachlesen.

Zur Giftigkeit:

Der Alkaloid-Gehalt des Bilsenkrautes ist mit 0,3% in den Samen am höchsten. Die Blätter enthalten bis zu 0,2% Alkaloid. Bilsenkraut enthält damit eine deutlich geringere Alkaloid-Konzentration als etwa die Tollkirsche (Atropa belladonna). Das Alkaloid-Gemisch des Bilsenkrautes besteht neben (S)-Hyoscyamin noch zu einem beträchtliche Teil aus Scopolamin (bis zu 60% der gesamten Alkaloid-Menge, zumeist aber doch deutlich darunter bei 20%). Die Wirkung des Bilsenkrautes hat daher auch mehr einen dämpfenden Charakter.

(S)-Hyoscyamin (S)-Hyoscyamin:
Summenformel: C17H23NO3
Molmasse: 289,4 g/mol
(S)-Scopolamin

(S)-Scopolamin:
Summenformel:
C17H21NO4
Molmasse: 303,4 g/mol

Exkurs: Hexenverfolgung

Die Hexenverfolgung wird gerne als Erscheinung des Mittelalters abgetan. Tatsache ist zwar, daß Papst Innozenz VIII. (zuvor als Kardinal Cibo der päpstliche Legat in Deutschland) 1484, also noch im Mittelalter, die Hexenbulle erließ, die die Jagd auf die sogenannten Hexen eröffnete. Andererseits ist der Beginn der Neuzeit mit der Endeckung Amerikas definiert, also 1492. Entsprechend fallen lediglich 8 Jahre Hexenverfolgung ins Mittelalter, der große Rest fand in der Neuzeit statt, liegt also gar nicht solange zurück, wie einige Kirchenfürsten bei uns den Eindruck erwecken wollen. Gerademal 15 Päpste (incl. Benedikt XVI.) haben ihr Amt angetreten seit der letzte Scheiterhaufen erloschen ist. Mittelalterlich (bis ins Jahr 1150 zurückreichend) sind in der Tat die Methoden, mit denen man den Hexen zu Leibe rückte. Inquistition mit Folter und Verbrennung auf dem Scheiterhaufen sind also keine Erfindungen der Hexenverfolgung, sondern wurden schon viel früher von der Kirche erprobt.
Hier eine kurzer Überblick der wichtigsten Etappen der Hexenverfolgung und ihrer Vorgeschichte:

Jahr Ereignis
ca. 1000 Die Kirche bekämpft die Albigenser (auch Katharer genannt - daraus wurde das Wort Ketzer abgeleitet), einer urchristlichen Sekte, die insbesondere in Südfrankreich großen Zulauf hatte.
ca. 1150 Als Strafe für Ketzer wird die Verbrennung bestimmt.
1209 Papst Innozenz III. ordnet den Kreuzzug gegen die Albigenser an
1227 Einführung der Inquisitionsgerichte durch Papst Gregor IX.
1252 Einführung der Folter im Inquisitionsprozeß durch Papst Innozenz IV.
1474 Die Dominikanermönche Heinrich Institoris und Jacob Sprenger stoßen noch auf Widerstand, als sie versuchen groß angelegte Hexenverfolgungen durchzuführen.
1484 Der Schlächter Kardinal Cibo wird zum Papst Innozenz VIII. gewählt und unterschrieb am 5. Dezember 1484 die Hexenbulle. Er bestimmte die Dominikaner Institoris und Sprenger als Inquisitoren.
1487 Veröffentlichung des Hexenhammers durch Institoris und Sprenger
ab 1500 Zahlreiche Hexenprozesse, die überwiegend Frauen zum Opfer hatten. Die Prozesse entwickelten sich zunehmend zu Inquisitionstribunalen; statt Anklage wurde Denunziation betrieben.
ab 1550 Die Reformation übernimmt die Hexenverfolgung (auch Martin Luther war eine Befürworter von Hexenprozessen); weltliche Gelehrte versuchten den Hexenglauben wissenschaftlich zu beweisen. Die Denunziation unbequemer Personen wird als Mittel der Konfliklösung eingesetzt.
ab 1580 Immer mehr weltliche Gerichte führen Hexenprozesse durch. Es kommt zu Massenprozessen zwischen 1580 und 1630. Auch in der Neuen Welt werden Hexenprozesse durchgeführt.
1775 Die letzte Hexenverbrennung in Deutschland
1782 Die letzte Hexenverbrennung in der Schweiz

500000 Menschen fanden durch die Hexenverfolgungen den Tod, 80 Prozent davon waren Frauen.

Es ist also keineswegs so, daß die sogenannten Hexen Drogensüchtige waren, denen zumindest eine Mitschuld an ihrem Schicksal zukommt. Eher wurde die Visonen im Bilsenkrautrausch (weitere Rausch- und Genußpflanzen finden Sie im entsprechenden Themenverzeichnis) vom Hexengerede beinflußt. Natürlich war der Aberglaube weit verbreitet und so manches Unglück wurde eben einer mutmaßlichen Hexe in die Schuhe geschoben. Letztendlich dienten die Hexenprozesse aber überwiegend dem Machterhalt - im Großen wie im Kleinen. Daß die vielen Nachbarschaftsstreitigkeiten heutzutage nicht auf dem Scheiterhaufen enden, ist sicherlich nicht immer auf die Vernunft der Konfliktparteien zurückzuführen. Einen guten Überblick zu den Hexenverfolgungen bietet das Heftchen »Hexen« von Kurt Gaik, das für ein paar Euro im Buchhandel erhältlich ist.

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