Was versteht man eigentlich unter Giften? Die Brockhaus Enzyklopädie schreibt hierzu: »Gifte sind Stoffe, die nach Eindringen in den menschlichen oder tierischen Organismus zu einer spezifischen Erkrankung (Vergiftung) mit vorübergehender Funktionsstörung, bleibendem Gesundheitsschaden oder Todesfolge führen«.

Diese Formulierung kann so nicht stehen bleiben, denn ob ein Stoff zu einer Vergiftung führt, hängt nicht nur vom Stoff selbst ab, sondern auch von der Menge, die in den Organismus eindringt. Letztendlich kann jeder Stoff zu einer Vergiftung führen. Es gibt aber Stoffe, die bereits in sehr kleinen Mengen eine Vergiftungen bewirken und Stoffe, die erst in großen Mengen eine Erkrankung verursachen. Was liegt da näher als eben die Menge, die für eine Vergiftung notwendig ist, heranzuziehen, um zu entscheiden, ob ein Stoff als giftig oder nicht giftig zu bezeichnen ist. Für die Technik gibt es eine solche (gesetzliche) Definition von Giften - sie ist im Anhang I der Gefahrstoffverordnung beschrieben. Hierbei wird der sogenannte LD50-Wert für die Ratte herangezogen:
Die Menge, die zu einer Vergiftung führt, hängt neben der Art des Stoffes auch von der Art der Aufnahme ab. Giftige Stoffe können durch den Mund eingenommen (orale Aufnahme), durch die Haut (dermale Aufnahme) oder aber durch die Atmung (inhalative Aufnahme) aufgenommen werden. Daneben gibt es auch noch das direkte Einbringen von Giften in die Blutbahn (intravenös), das jedoch bei unbeabsichtigten Vergiftungen keine große Rolle spielt und daher auch nicht in der Gefahrstoffverordnung berücksichtigt wird. Solche Vergiftungen spielen aber sehr wohl bei Heroinabhängigen und bei ärztlichen Kunstfehlern eine Rolle (warum man in der Medizin von Kunstfehlern spricht und nicht von menschlichem Versagen, bleibt mir indes ein Rätsel - macht dort die Kunst der Medizin den Fehler und nicht der Mensch oder ist es schlichtweg Blasphemie Ärzte als Menschen zu bezeichnen?). Je nach Art des Giftes ist die eine oder andere Art der Aufnahme die gefährlichere.
Die Gefahrstoffverordung unterteilt die Gifte in drei Klassen:
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Symbol |
Bezeichnung |
Definition |
![]() |
sehr giftig (T+) | orale Aufnahme: LD50
(Ratte) unter 25 mg/kg
dermale Aufnahme: LD50 (Ratte oder Kaninchen) unter 50 mg/kg inhalative Aufnahme: LC50 (Ratte)
unter 0,25
mg/L/4 h für Aerosole und Stäube oder |
![]() |
giftig (T) | orale Aufnahme: LD50 (Ratte)
zwischen 25
mg/kg
und 200 mg/kg
dermale Aufnahme: LD50 (Ratte oder Kaninchen) zwischen 50 mg/kg und 400 mg/kg inhalative Aufnahme: LC50
(Ratte) zwischen 0,25
mg/L/4 h und 1 mg/L/4 h für Aerosole und Stäube oder |
![]() |
gesundheitsschädlich
(Xn) zwischenzeitlich auch mal als mindergiftig bezeichnet |
orale Aufnahme: LD50
(Ratte) zwischen 200 mg/kg
und 2000 mg/kg
dermale Aufnahme: LD50 (Ratte oder Kaninchen) zwischen 400 mg/kg und 2000 mg/kg inhalative Aufnahme: LC50
(Ratte) zwischen 1
mg/L/4 h und 5 mg/L/4 h für Aerosole und Stäube oder |
Daneben werden auch noch Stoffe, die krebserzeugend, erbgutverändernd oder fortpflanzungsgefährdend sind, als sehr giftig, giftig oder gesundheitsschädlich eingestuft.
Begriffe, wie Supergift oder Ultragift kommen in der Gefahrstoffverordnung nicht vor. Sie sind Erfindungen von professionellen Panikmachern und in keinster Weise definiert. Wenn Sie den Alkohol als Super- oder Ultragift bezeichnen wollen, kann Ihnen dies niemand verbieten. Als sehr giftig hingegen dürfen Sie ihn nicht bezeichnen, denn das stimmt nicht mit den Definitionen der Gefahrstoffverordnung überein. Am Ende dieses Kapitels erhalten Sie in einem Exkurs weiterer Definitionen aus der Gefahrstoffverordnung.
Legen wir die Giftdefinition der Gefahrstoffverordnung zugrunde und
nehmen
wir außerdem an, daß Ratte und Mensch etwa die
selbe
Empfindlichkeit
gegenüber dem Gift besitzen. Eine Pflanze wäre dann
als
giftig
zu bezeichnen, wenn weniger als 5 Gramm eingenommenes Pflanzenmaterial
bei
einem Kind von 25 kg Gewicht oder weniger als 15 Gramm Pflanzenmaterial
bei
einem Erwachsenen von 75 kg Körpergewicht mit einer
Wahrscheinlichkeit
von 50 Prozent zum Tode führen. Dies trifft nur auf die
potentesten
Giftpflanzen, wie etwa den Blauen Eisenhut (Aconitum
napellus)
oder
die Samen der Ricinusstaude (Ricinus
communis)
zu. Der berüchtigte
Gefleckte
Schierling (Conium
maculatum)
besitzt diese Giftigkeit,
ebenso
wie die meisten anderen Giftpflanzen, nicht und wäre daher
eher
als
gesundheitsschädlich einzustufen. Dies soll Sie jedoch
keinesfalls
zum
unbesorgten Umgang mit Giftpflanzen verleiten sondern lediglich die
Relation
zu der Giftigkeit anderer Substanzen aufzeigen, die aus unserem Leben
nicht
mehr wegzudenken sind. Starke Vergiftungen durch Pflanzen sind nur zu
erwarten
bei
Es sei hier nochmals hervorgehoben, daß auch die
Selbstmedikation
durch
Heilpflanzen (diese sind in der Regel auch Giftpflanzen) zu
Vergiftungen
führen kann. Wer unkritisch den Ausführungen der
Hildegard
vom
Mäuseturm folgt, wir sich über kurz oder lang eine
Vergiftung
einhandeln. Viele Inhaltsstoffe von Giftpflanzen, etwa vom Fingerhut
(Digitalis spp.),
haben Einzug in die Medizin erhalten,
allerdings
befindet sich in jeder Tablette immer die gleiche Menge an Wirkstoff.
Fingerhutpflanzen enthalten keineswegs immer die gleiche Menge
Wirkstoff.
Hier spielen Standort, Wetterbedingungen und verfügbare
Nährstoffe
eine wesentliche Rolle. Es gelten ähnliche Regeln, wie
für
die
Geschmacksstoffe bei den eßbaren Früchten, denn auch
nicht
jede
Erdbeere schmeckt gleich intensiv. Die Unbekümmertheit und
Neugier
von
Kindern in die richtigen Bahnen zu lenken, ist Aufgabe der Erziehung
und
bedarf natürlich auch gewisser Grundkenntnisse über
Giftpflanzen
bei den Eltern. Verwechslungen mit eßbaren Pflanzen
(ausgenommen
Pilze) beschränken sich heutzutage auf die Herbstzeitlose (Colchicum
autumnale)
und das Maiglöckchen (Convallaria
majalis),
die gelegentlich mit dem Bärlauch verwechselt
werden.
Im krassen Gegensatz zur eher mäßigen Giftigkeit der Giftpflanzen, steht die oft enorme Giftigkeit ihrer Inhaltsstoffe (Pflanzengifte, Toxine). Dieser Gegensatz ist schlichtweg darauf zurückzuführen, daß diese Stoffe zumeist nur in sehr geringen Mengen in der Pflanze enthalten sind. Festzustellen bleibt aber, daß Pflanzengifte die Giftigkeit der vom Menschen künstlich hergestellten Gifte teilweise um ein vielfaches übertreffen und ihrerseits selbst nur durch einige Tier- und Bakteriengifte (wie zum Beispiel das in der Kosmetik als Antifaltenmittel eingesetzte Botulinustoxin - Botox) übertroffen werden. Die folgende Graphik will Ihnen diesen Sachverhalt verdeutlichen:

Das Volumen der Würfel in dem Diagramm soll ein Maß für die Menge darstellen, die benötigt wird, um eine Vergiftung herbeizuführen. Je kleiner der Würfel ist, desto giftiger ist die Substanz. Den roten Würfel für das Botulinustoxin (Botox) dürften Sie mit blosem Auge nur schwer erkennen. Für gewöhnlich greift man bei solchen Größenunterschieden zu logarithmischen Darstellungen, die jedoch wenig anschaulich sind. Dennoch will ich Sie anhand der folgenden Tabelle auch über absolute Zahlen informieren und zum Vergleich die Kantenlänge des Würfeldiagramms angeben (die nicht identisch mit den Maßen auf Ihrem Bildschirm ist sondern Bezug nimmt auf eine Kantenlänge von 100 mm für Natriumcyanid). Nur die farblich markierten Stoffe sind in der obigen Graphik aufgeführt.
| Toxin | Herkunft | Giftigkeit* mg/kg |
Kantenlänge
Würfel mm |
| Kochsalz | Suppe |
1000 |
464 |
| Meskalin | Peyote-Kaktus (Lophophora williamsii), Rauschdroge |
100 |
215 |
| Natriumcyanid | Industriechemikalie (Giftigkeit entspricht etwa der von Zyankali) |
10 |
Vorgabe: 100 |
| Nicotin | Tabak (Nicotiana tabacum, Nicotiana rustica) |
1 |
46 |
| Tubocurarin | Liane (Chondrodendron tomentosum und andere), Curare-Pfeilgift |
0,5 |
37 |
| Strychnin | Brechnuß (Strychnos nux-vomica) |
0,5 |
37 |
| g-Strophantin | Liane (Strophanthus gratus) |
0,15 |
25 |
| Aconitin | Blauer Eisenhut (Aconitum napellus) |
0,15 |
25 |
| y-Amanitin | Grüner Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) und andere |
0,1 |
22 |
| Aflatoxin B1 | Schimmelpilze (Aspergillus flavus) |
0,01 |
10 |
| Tetrodotoxin | Kugelfische (Fugu rubripes und andere) |
0,01 |
10 |
| Batrachotoxin | Pfeilgiftfrösche (Phyllobates terribilis) |
0,008 |
9,3 |
| Cobratoxin | Giftschlangen, Kobra (Naja naja) |
0,0003 |
3,1 |
| Ricin | Ricinuspflanze (Ricinus communis) |
0,00002 |
1,3 |
| Botulinustoxin (Botox) | Bakterien (Clostridium botulinum) |
0,00000003 |
0,14 |
*Für die Giftigkeit wurde hier nicht der LD50-Wert herangezogen, sondern die Minimale Letale Dosis. Dieser Wert entspricht der Giftmenge, bei der gerade noch mit einer tödlichen Vergiftung zu rechnen ist.
| Exkurs:
Gefahrstoffe
Weitere wichtige Gefahrstoffdefinitionen nach Anlage I der Gefahrstoffverordnung
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R-Sätze Die Gefahrensymbole selbst können die Gefahr, die von einem Stoff ausgeht, nur unzureichend beschreiben. Für den Umgang mit einen Gefahrstoff ist es z.B. wichtig, ob der Stoff beim Einatmen, beim Verschlucken oder sogar schon bei Kontakt mit der Haut seine Giftigkeit entfaltet. Daher wurden die sogenannten Risiko-Sätze (R-Sätze) eingeführt, die die ausgehende Gefahr detaillierter beschreiben. Die Nummern der Risiko-Sätze sind international genormt und müssen auf jeder Verpackung eines Gefahrstoffes angegeben werden. Mit einer deutschspachigen Tabelle der R-Sätze können Sie folglich auch Informationen über einen in finnisch deklarierten Gefahrstoff erhalten.
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